
Der Bullwhip-Effekt bezeichnet das Phänomen, dass die Variabilität der Nachfrage in Supply-Chains vom Endkunden über den Handel bis zu den Produzenten und ihren Zulieferern immer mehr zunimmt.
Dies kann folgende Ursachen und Folgen haben.
1. Bei sich auf Prognosen stützende Produktionsplänen werden Absatzmuster früherer Perioden an veränderte Rahmenbedingungen angepasst und Bestellungen nachgelagerter Supply-Chain-Glieder als Grundlage für die Voraussage vorgelagerter Stufen herangezogen. Eine mögliche Bedarfsspitze wirkt sich dadurch auf die gesamte Kette fort und wird durch eine resultierende Anpassung der Sicherheitsbestände weiter verstärkt.
2. Aufgrund von Vorteilen aus Sammelbestellungen, wie die Vermeidung fixer Kosten pro Bestellvorgang oder der Transportkostendegression, neigen Unternehmen selbst bei konstantem Bedarf dazu, in unstetigen Zeitabständen zu bestellen.
3. Sonderangebote, die zu einem Quartals- oder Geschäftsjahresende eine vergrößerte Kundennachfrage bewirken, welche wiederum den kurzfristigen Bedarf großer Mengen zur Folge hat, können ebenfalls ein Auslöser oder Verstärker für den Bullwhip-Effekt sein. Nach dem Ende der Preisaktion ist häufig eine gewisse Kaufzurückhaltung zu beobachten, da der Konsument auf das nächste Schnäppchen wartet und sich dadurch einen weiteren Preisvorteil erhofft.
4. Mögliche, unmittelbar bevorstehende Technologiesprünge wirken sich ähnlich aus, jedoch entgegengesetzt zur Nachfrage. Als Beispiel ist hier das Mobiltelefon Apple iPhone der ersten Generation zu nennen, bei welchem in den kommenden Wochen eine neue Version erwartet wird, die die für Europa wichtige 3G-Technologie unterstützt. Diese Gerüchte um das neue Produkt haben zu einem europaweiten Einbruch der Verkaufszahlen geführt.
5. Bei der Produktzuteilung ist die tatsächliche Produktnachfrage größer als die erwartete, was zur Folge hat, dass der Produktproduzent seine Bestellungen nicht vollständig erfüllen kann und unter Umständen zu Rationierungen gezwungen ist. Die Reaktion des Kunden kann eine Korrektur der Bestellmenge nach oben sein. Durch diese Phantombestellung wird eine höhere Mengenzuteilung durch den Produzenten und somit eine vermeintlich größere Chance, den eigenen Bedarf zu decken, erreicht. Für den Zulieferer stellt sich dies als vergrößerte Nachfrage dar, auf die er mit einer erhöhten Produktion reagiert. Bei einem Nachlassen der Endnachfrage kann es jedoch zu Stornierungen der Bestellungen kommen, was wiederum die Lager des produzierenden Unternehmens füllen wird.
All dies führt zu ungleichmäßigen Kapazitätsauslastungen, was aufgrund der nötigen höheren Produktionskapazitäten höhere Kapazitätskosten als bei einer gleichmäßigen Auslastung zur Folge hat. Aufgrund des Anspruchs, Nachfrage auch bei hoher Schwankung befriedigen zu können, bewirkt der Bullwhip-Effekt hohe zwischenbetriebliche Lagerbestände, was sich wiederum in erhöhten Lager- und Kapitalbindungskosten niederschlägt. Die so entstehenden Mehrkosten sind letztlich über gesteigerte Preise vom Endkunden zu tragen und beeinträchtigen damit die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Supply-Chain.